«Schach ist eine willkommene Beschäftigung in einem Alters- und Pflegeheim»
- André Vögtlin

- 10. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Im Rahmen des vom Weltschachbund propagierten Year of Social Chess 2025 stellt die Sozialkommission der FIDE jeden Monat eine Person oder Gruppe vor, die das Schachspiel erfolgreich in einem sozialen Kontext betreibt. Für das Projekt «Chess for Elderly» trafen wir im Altersheim Pratteln Marianne Vögtlin. Die 89-jährige Mutter von André Vögtlin, Zentralpräsident des Schweizerischen Schachbundes (SSB), spielte in ihrem ersten Jahr im Altersheim über 4000 Blitzpartien auf Lichess.
Können Sie sich unseren Leser(inne)n bitte in wenigen Worten vorstellen?
Ich bin eine «alte Dame» von 89 Jahren und leidenschaftlich begeistert vom Schachspiel. Zurzeit lebe ich in einem Altersheim in Pratteln, da ich im Rollstuhl sitze und Mobilitätsprobleme habe.
Und wie war Ihr Werdegang zuvor?
Ich übte mehrere Berufe aus. Ich bin eine Bauerntochter und auf dem Land aufgewachsen. Danach besuchte ich die Lehrerinnenschule in Lausanne. Sieben Jahre lang war ich Lehrerin in der Romandie. Parallel dazu absolvierte ich eine Ausbildung zur Berufsberaterin – ein Beruf, den ich jedoch kaum ausübte. Später heiratete ich und zog in die Deutschschweiz. Nach der Geburt meiner beiden Kinder nahm ich meine Arbeit wieder auf und unterrichtete Französisch an der Handelsschule in Liestal im Bereich Verkauf.
Wie entdeckten Sie Schach?
Mein Vater, ein kleiner Landwirt aus dem Kanton Waadt, brachte mir das Spielen bei. Er selber lernte es von seinem Bruder, der Schach in den Anden kennenlernte, als er als Elektroingenieur in einer Mine in Peru arbeitete. Mein Vater hatte eine sehr pädagogische Art, dieses für Kinder schwierige Spiel zu vermitteln. Am Anfang machten wir Geschwister uns nur einen Spass daraus, uns gegenseitig die Figuren zu «stehlen». Das Mattsetzen kam erst später hinzu. Danach spielte ich jahrelang nicht mehr. Als ich dann meine Kinder hatte, fand ich es interessant, ihnen dieses Spiel weiterzugeben.
Welche Rolle spielte Schach in Ihrem Leben, bevor Sie ins Altersheim kamen?
Ich spielte nie regelmässig – ausser mit meinen fünf Enkeln, denen ich das Spiel beibrachte und die Freude daran hatten. In einem Klub war ich nie.
Und seit Ihrem Einzug ins Altersheim, wo Sie in einem Jahr mehr als 4000 Online-Partien gespielt haben?
Mein Leben veränderte sich stark. Hier gibt es viel Wartezeit. Also begann ich, Online-Blitzpartien zu spielen, um die Zeit zu vertreiben. Es interessiert mich, und ich habe einige Fortschritte gemacht – auch wenn ich oft gegen bessere Spieler verliere. Aber es bleibt faszinierend.
Welche Wirkung hat das Spiel auf Einsamkeit, geistige Anregung und Wohlbefinden?
Schach beschäftigt den Geist wirklich – das ist der grösste Vorteil. Schach zwingt zum Nachdenken und ist eine willkommene Freizeitbeschäftigung, welche die Monotonie der Tage unterbricht, die man sonst mit Warten verbringt. Und man entwickelt Strategien. Ich glaube, wer Mathe mag, hat daran noch mehr Freude.
Welches Potenzial sehen Sie für Schach im Altersheim?
Das ist schwer zu sagen. Ich führte meine 86-jährige Zimmernachbarin, die ebenfalls begeistert von Mathematik ist, ins Schach ein. Sie verstand das Spiel und ist motiviert. Aber ich denke, das ist eine Minderheit unter den Bewohner(inne)n.
Welche Voraussetzungen braucht es, um ältere Menschen zum Schach zu bringen?
Man muss von Natur aus neugierig sein. Wenn man zu erschöpft ins Heim kommt, im Endstadium, lohnt es sich nicht, damit anzufangen. Wer seine Neugier sein Leben lang gepflegt hat, hat grössere Chancen, sich darauf einzulassen.
Sie beschrieben Ihre Methode, mit der Sie Ihrer Nachbarin das Spiel beigebracht haben. Können Sie diese erläutern?
Wir begannen damit, die Figuren auf das Brett zu stellen und sie einzeln zu bewegen: den König einen Schritt, die Dame wie der König, aber in alle Richtungen, die Türme, die Läufer, die Springer. Nach einigen Stunden Training, als sie die Figuren korrekt bewegen konnte, spielten wir ohne Schachgebote, nur um die Züge zu üben. Dann fügten wir das Schlagen ungeschützter Figuren hinzu, boten Schach, Matt, Figuren, die zusammenwirken und Gabeln. Wir arbeiteten zwei Stunden pro Woche. Sie hatte ausserdem ein Buch, ein Spielset und Schachpuzzles, um allein zu üben. Ihr Mathe-Ehrgeiz trieb sie an, jedes Problem zu lösen.
Liessen Sie sie manchmal auch gewinnen?
Ja, unsere Partien dauerten lange, weil wir jeden Zug besprachen. Ich liess sie Züge vorschlagen, half ihr aber, Gefahren zu erkennen und Alternativen zu überlegen. Das motivierte sie, und schliesslich gewann sie mehrere Partien. Aber es ist ein schwieriges Spiel für ein älteres Gehirn: Von null auf zu beginnen, erfordert viel Ausdauer und Geduld.
Glauben Sie, dass Schach auch für Kinder, Gefangene oder Flüchtlinge geeignet ist?
Ja, aber man muss es schrittweise lehren. Mein Vater begann immer mit einem leeren Brett und nur einer Figurenart, um deren Bewegungen zu beherrschen, bevor er zur nächsten Figur überging. Theorie allein reicht nicht – man braucht Praxis und Zeit. Für Kinder ist es fesselnd. In der Schule gab uns der Lehrer Schachbretter. Manche vergassen sogar, zum Mittagessen zu gehen! Meines Wissens ist Schach das komplexeste Spiel, das es gibt.
Schlussfrage: Was sind Ihre letzten Worte zu Ihrer Erfahrung im Altersheim?
Schach füllt die Wartezeiten auf wunderbare Weise. Man vergisst die Zeit. Wenn ich 100 werde, ist mein Plan, dass alle Pflegekräfte im Heim Schach spielen können…aber dann könnten sie vergessen, die Patienten zu pflegen!

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